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Jahreslosung 2021

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist“

Lukas 6. 36

 

Für mich gibt es viele Zugänge zu der Jahreslosung 2021. Biblische Texte bieten sich an oder Gedanken aus eigenem Erleben. Mich hat zu allererst der Text aus Lukas 15 – der Verlorene Sohn – angesprochen. Vielleicht weil ich mich in meinem Leben schon öfters damit beschäftigt habe. Deshalb werde ich mich der Jahreslosung auf diesem Weg nähern.

 

Mein ganz persönlicher Zugang

Auch fünf Jahre nach dem Tod von Jens konnte ich mir nicht vorstellen, in Urlaub zu fahren. Der Gedanke: mein Sohn ist tot– und ich fahre in Urlaub – der war mir unerträglich.
Reiner versuchte, mich aus meinem „Loch“ heraus zu holen. Machte mir Vorschläge, wo es hingehen könnte.
Da hatte er die Idee, eine Ostsee-Kreuzfahrt zu machen. Oslo - Stockholm – Helsinki – St. Petersburg -Tallin - das war die Route. Nein: „Lust“ hatte ich nicht – aber… St. Petersburg! Das war`s. Das überzeugte mich. Das kam so:
Ich hatte grad das Buch von Henry Nouwen gelesen: „Nimm sein Bild in dein Herz.“ Darin schildert Nouwen seine Begegnung mit dem Gemälde von

 

 

Rembrandt „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“.

Dieses Buch und vor allem das Gemälde gab mir unglaublich viel Trost. Diese Szene: der Sohn birgt sich zu Füßen des Vaters in seinem Gewand. Für mich ein Gefühl, mich einfach fallen lassen zu können beim Vater. Es bedarf keiner Worte mehr. Ganz unten zu sein, nichts mehr in Händen zu haben, da sehnt man sich danach, einfach nur „sein“ zu können.

Dem Programm der Reise war zu entnehmen, dass ein Besuch in der Eremitage in St. Petersburg
vorgesehen war. Und ich wusste: Das Gemälde von Rembrandt hängt in der Eremitage. Mit dem Bild im Brustbeutel hoffte ich auf eine Begegnung mit dem Bild.
Wir hatten eine nette Begleitung bei der Führung. Ich zeigte ihr das Bild aus der Brusttasche mit den Worten: „Das möchte ich sehen“. Sie meinte, da hätte ich aber „Glück“- unsere „Route“ führt daran vorbei. Sie gab mir den Tipp, der Wegbeschreibung zu folgen, ich käme direkt daran vorbei, könnte der Gruppe so voran gehen und hätte damit mehr Zeit, davor zu verweilen.
Es hing in einer Nische, links an der Wand. Durch ein großes Fenster fiel das Licht darauf. Es hatte einen guten Platz, von dem aus man das Gemälde in seiner ganzen „Pracht“ ansehen konnte.
Es ist ein Ölgemälde auf Leinwand, 262x206 cm. Und ich hatte jetzt die Chance, ohne Störung der übrigen Teilnehmer der Führung allein vor dem Bild zu verweilen….bis die Gruppe dann an der Stelle vorbei kam und ich mich ihnen wieder anschließen konnte.
Es war einer der Höhepunkte meiner Reise.

 

„Barmherzig wie der Vater“

Rembrandt hat hier seine eigene Interpretation aus Lukas 15 auf die Leinwand gebracht. Im bibli­schen Text beschreibt Lukas, wie der Vater dem „verlorenen“ Sohn entgegenläuft. Hier bei Rem­brandt ist die Begegnung zwischen dem Vater und dem Sohn ein Ort der Ruhe. Es strahlt Liebe und getröstet werden aus. Da kommt einer nach Hause, er kommt wie er ist, in Lumpen, mit kahlgescho­renem Kopf wie ein Sträfling. Der Sohn fällt dem Vater entgegen, birgt sich bei ihm. Es sind die gro­ßen Hände des Vaters, die den Sohn halten. Seine Augen ruhen auf ihm. Es bedarf nicht vieler Worte. Da ist nur Liebe. Vollkommene Liebe. Barmherzige Liebe. Der Sohn kommt als Bettler. Er weiß um seine Schuld. Er nennt sie beim Namen. Bekennt sie vor dem Vater. Und für den Vater zählt nur eins: „Mein Sohn, der verloren war, ist wieder nach Hause gekommen“.

 

Nur wer so weit „unten“ war wie dieser Sohn, nur wer das kennt: am Ende zu sein; wem nach langer Irrfahrt nichts mehr geblieben ist, wer die Heimatlosigkeit nicht mehr aushält – nur der kann die Tiefe dieser Begegnung wirklich verstehen. Nur der wird erfahren, was Barmherzigkeit ist.

 

Unsere Jahreslosung für 2021 setzt an dieser Stelle an. Dieser barmherzige Vater soll uns vor Augen stehen.  Dieses Vaterbild soll uns mehr als zuvor im neuen Jahr begleiten.  Soll unser Verhalten be­stim­men. Unser Miteinander prägen. Sich tief in uns hinabsenken.


„Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.“
Diese Messlatte hängt hoch! Mein erster Impuls ist: Das schaffe ich nicht! Ich kenne mich doch. Aber ich komme nicht daran vorbei: Jesus traut mir zu, dass ich dem Vater ähnlich werden kann. Dass diese Barmherzigkeit auch unter uns gelebt werden kann.
Ich denke, wenn Jesus uns das zutraut, dann sollten wir es wagen. Dann lassen wir uns doch im neuen Jahr darauf ein, Barmherzigkeit, wie der Vater es uns gezeigt hat, zu leben.
Nehmen wir ganz neu für 2021 „SEIN BILD IN UNSER HERZ“.

 

Evi Oberacker